Hanns Graaf
Die nachkapitalistische Wirtschaft
Marx hat sehr lange und intensiv erforscht, wie die kapitalistische Wirtschaft funktioniert. Dabei war er bemüht zu zeigen, dass diese Wirtschaftsform permanent mit Krisen schwanger geht, auf der Ausbeutung von Lohnarbeit und auf Unterdrückung beruht und episodisch zu Kriegen und Revolutionen führt. Hier ähnelt seine Auffassung sehr der von Lenin, der 1915 in seiner Imperialismus-Schrift davon spricht, dass der Imperialismus eine Epoche von Kriegen und Revolutionen ist.
Bei Marx ist durchaus die Auffassung einer Zusammenbruchstendenz des Kapitalismus zu erkennen. Diese stützt sich v.a. auf die Hypothese von der fallenden Tendenz der Profitrate. Wir sprechen hier absichtlich nicht von einer Theorie, sondern „nur“ von einer Hypothese – aus verschiedenen Gründen, die hier aber nicht Thema sind. Relevant für unser Thema der Marxschen Vorstellungen von einer nachkapitalistischen Ökonomie ist jedoch, dass er aus der Zusammenbruchstendenz nicht etwa den Schluss zog, dass der Klassenkampf und die Revolution deshalb obsolet seien, sondern im Gegenteil notwendig wären, um den Kapitalismus zu überwinden, bevor dieser neue Katastrophen anrichten würde. Zwar trat auch Marx für Reformen zur Verbesserung der Lage des Proletariats ein, doch er ordnete diesen Kampf 1. in ein revolutionäre Strategie ein, anstatt ihn – wie später die Reformristen – als Alternative zur Revolution anzusehen. 2. sah Marx nicht die erreichten Reformen als das eigentliche Ziel an, sondern den im Kampf darum erzielten Fortschritten in Organisation und Bewusstsein der Klasse. Zur Perspektive des Klassenkonflikts zwischen Bourgeoisie und Proletariat räumte Marx sogar ein, dass beide sich bekämpfenden Klassen dabei untergehen könnten.
Historische Erfahrungen
Marx hatte – wie auch zu vielen anderen Fragen – keine ausgearbeitete Konzeption dazu, wie eine nachkapitalistische Wirtschaft aussehen könnte. Das hatte v.a. zwei Gründe: 1. ging Marx von den realen Faktoren und Tendenzen der Entwicklung aus und nicht von Utopien. 2. waren die Arbeiterbewegung und die Klassenkämpfe zu seiner Zeit noch nicht so weit entwickelt, dass die Frage einer alternativen Wirtschaft konkret werden konnte. Allenfalls in der Pariser Commune von 1871 gab es konkrete Ansätze einer anderen Wirtschaftsweise. Bis dahin gab es zwar auch schon etliche „Pilotprojekte“ mit einer kollektiven Wirtschaftsweise, die nicht auf Privateigentum beruht, jedoch waren das entweder individuelle Versuche von utopischen Sozialisten wie z.B. Robert Owen oder es handelte sich um kommunalistische Projekte z.B. von nach Amerika ausgewanderten Siedlern, auf die der frühe Engels fast euphorisch verwies. Außer bei der Pariser Commune handelte es sich aber noch nicht um Errungenschaften der Arbeiterbewegung – auch deshalb mussten diese letztlich als isolierte Inselprojekte scheitern.
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